Try walking in my shoesIch merkte, wie mein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung zögerte. Wie er Anlauf nahm, um seine Frage zu stellen: „Und warum richtetest du dich so gezielt an Heldinnen“, wollte er, mein männlicher Auftraggeber, wissen. Eine gute Frage, eine berechtigte Frage. Sie war mir nicht zum ersten Mal begegnet – aber nie so entwaffnend offen und ehrlich interessiert. Hier habe ich meine Antwort aufgeschrieben.

Als es darum ging, ein Konzept für meine Selbstständigkeit zu entwickeln. In mich hineinzuspüren und nachzufühlen, was mich begeistern und beflügeln würde. Was meinem Arbeitsleben einen nachhaltigen Sinn geben würde – da waren zwei Dinge schnell klar: Ich möchte Texte schreiben und ich möchte mit Menschen arbeiten. Ähnlichen wie damals bei der Lokalzeitung, als die Kolleginnen, Kollegen und ich jeden Tag da raus gingen, um Menschen zu treffen, ihre Geschichten zu erfahren und im Blatt von all dem Komischen, Überraschenden, Erfreulichen und Traurigen zu erzählen.

Die Protagonistin – oder der Protagonist – deiner beruflichen Geschichte bist du.

Die nächste Frage in meiner Gründungsphase lautete: Mit welchen Menschen genau willst du arbeiten? – Wichtig ist mir, dass es Menschen sind, die etwas zu sagen haben. Menschen, die etwas bewegen wollen in dieser Welt, im positiven Sinne. Deren Job neben dem Broterwerb auch von einer tieferen Vision, einem inneren Antrieb motiviert wird. Und da ist es egal, ob es Frauen oder Männer, Heldinnen oder Helden sind. Selbstständige, Festangestellte oder Gelegenheitsjobber. Es geht mir um Menschen, die sich selbst als Protagonistin oder Protagonist, Heldin oder Held ihrer eigenen beruflichen Geschichte begreifen. Nicht als Zuschauer. Sondern als aktiv Handelnde, die selbst bestimmen, welche Abzweigungen sie nehmen und welche Pfade sie meiden möchten.

Deine Zeit ist wertvoll. Wie möchtest du sie verbringen?

Denn auch ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, wo mein beruflicher Weg hinführt und was ich mit meinem Job erreichen möchte. Natürlich soll er zum Broterwerb unserer Familie beitragen. Natürlich bin ich keine NGO. Aber gerade als Mama von Zweien habe ich mich oft gefragt, wie ich die Zeit ohne meine Kinder denn wirklich verbringen möchte. Ein großer Luxus, sich diese Frage stellen zu können: Wie kann ich das tun, was mich wirklich erfüllt? In dieser kurzen Zeit zwischen Kindergartenfrühstück und gemeinsamen Unternehmungen am Nachmittag. Oder auch gerne mal abends, wenn endlich alle kleinen Heldinnen und Helden im Haus ihre Action-Umhänge gegen den Schlafanzug getauscht haben. Was ist so spannenden und wichtig, erfüllend und herausfordernd, dass ich dafür auf anderes verzichte – nämlich auf Zeit mit meinen Kindern, mit meinem Mann oder auch auf Zeit für mich selbst?

Ich möchte nicht ausschließen, sondern mich selbst fokussieren.

Alle, die sich diese Fragen stellen (können), die ihr berufliches Geschick in die eigenen Hände nehmen (können), anstatt sich als bloßer Zuschauer ihrer Job-Vita zu begreifen, sind für mich Heldinnen und Helden. Warum konzentriere ich mich in der Selbstständigkeit auf die einen, aber nicht auf die anderen? Wichtig ist mir: Ich möchte mit dieser Entscheidung nicht ausschließen, sondern vielmehr mich selbst in meiner Arbeit fokussieren. Auf eine Zielgruppe, die ich aus eigener Erfahrung kenne, deren Wünsche, Ängste, Hoffnungen und Träume ich aus eigenem Erleben nachvollziehen kann. Und denen ich auch deshalb einen Mehrwert bieten kann, weil ihr Weg auch meiner ist. Weil wir uns vielleicht über ähnliche Sackgassen ärgern oder über tolle Abkürzungen freuen. Als Gründerin. Solo-Unternehmerin. Einzelkämpferin. Als Heldin.

In welchen Schuhen läufst denn du?

„But before you come to any conclusions / Try walking in my shoes“ singen Depeche Mode in einem ihrer bekanntesten Songs. Versuch, in meinen Schuhen zu laufen. Zu Recht! Denn wir Heldinnen tragen andere Schuhe als Helden. Und damit meine ich nicht das stereotype Bild von Stöckelschuhen versus Sneaker. Nicht das Aussehen unserer Schuhe ist entscheidend – und im Zeitalter von Unisex vielleicht auch gar nicht mehr so unterschiedlich. Sondern die Funktionen, die unsere Schuhe erfüllen sollen. Denn wir Heldinnen müssen häufig ganz andere Hindernisse überwinden als Helden – äußere und innere. Wir laufen oft auf anderen Untergründen. Wir bevorzugen andere Pfade, um zu einem ähnlichen Ziel zu kommen. Und wir treten anders auf – im doppelten Sinne des Wortes. Try walking in my shoes – diese Herausforderung anzunehmen, fällt mir naturgemäß leichter bei Heldinnen. Deshalb sind sie meine erste und wichtigste Zielgruppe für dieses Projekt.

Heldin und Held auf gemeinsamen Wegen.

Das heißt aber nicht, dass mich die vielen spannenden Helden-Geschichten da draußen nicht interessieren würden. Im Gegenteil: Ob im Berufsleben oder ganz privat – wir Heldinnen und Heldin sind immer dann am besten, wenn wir mit- und voneinander lernen. Wenn wir den anderen verraten, wie es sich anfühlt, in diesen, unseren Schuhen zu gehen. In diesem Sinne wünsche ich allen Heldinnen und Helden da draußen ganz viele gemeinsame Wanderungen und Wege. Oder wie Depeche Mode sagen würde: Try walking in my shoes.

Pssst, nicht vergessen: In jeder Solo-Unternehmerin steckt auch eine Heldin!